Abschalten – wie ging das noch?

Lilian Güntsche 9. Oktober 2015

…und wer ist eigentlich dieser „Feierabend“?

Viele Jahre haben wir Digital-Liebhaber „Always-On“ gepredigt. So haben wir nun eine Gesellschaft mitkreiert, die alle paar Sekunden auf ihre Geräte starrt und oft Schwierigkeiten hat noch wirklich abzuschalten. Eine Email hier, eine Notification dort und schon wieder ist das Smartphone in der Hand und der Kopf senkt sich. Auf einen Klick sind wir heute immer erreichbar. Wo sind da die Grenzen?

Die Internet-Allgegenwärtigkeit hat natürlich auch viele Vorteile, denn wir sind dadurch orts- und zeitunabhängig geworden, was uns viel Freiheit schenkt. Aber was ist, wenn diese Freiheit in Abhängigkeit und Kontrolle umschlägt? Abschalten ist für viele Menschen eine echte Herausforderung geworden.

Abschalten - wie ging das noch?!  Foto: C.Debruijn / L.Güntsche

Abschalten – wie ging das noch?!
Foto: C.Debruijn / L.Güntsche

Einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (gfu) und einem entsprechenden Beitrag im Stern zur Folge lesen 42 % Prozent der deutschen Arbeitnehmer Emails im Feierabend28 % lesen nicht nur, sondern bearbeiten auch aktiv in ihrer Freizeit berufliche Emails.

Es scheint für die Gesellschaft schwer geworden zu sein, die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben wirklich noch zu ziehen. In dem Moment, wo wir mit unseren Kollegen und Chef bei Facebook befreundet sind, bekommt dieser Einblick in unser Privatleben und vice versa. Der Beruf ist Teil des Privatlebens geworden. Aber ist es auch umgekehrt? Vermutlich schon, denn das Firmenhandy wird auch gerne mal zwischendurch für private Belange eingesetzt oder um den persönlichen Facebook Account zu checken. Tablets, Smartphones und Co. werden von ca. einem Drittel der Deutschen in der Studie als positiv und lebensaufwertend gesehen. Genauso viele sehen hier aber auch Risiken, da sie merken, dass es immer schwerer wird noch abzuschalten. Hieraus ergibt sich eine neue Fragestellung für die Business-Welt.

Ist es die Teil der Firmenverantwortung geworden, dafür zu sorgen, dass Mitarbeiter irgendwann abschalten und Feierabend machen?

Oder können sich Unternehmen dem entziehen? Sind hier neue Regularien der Kommunikation aufzusetzen? Wie sollten Führungskräfte dies vorleben?

In einer interessanten Unterhaltung mit einem Konzernvertreter & Entrepreneur und einer Human Ressources-Dame habe ich neulich diese spannende Diskussion angeregt. Hier sind viele Grundsatzfragen entstanden und sehr verschiedene Meinungen und Sichtweisen zum Vorschein gekommen. Dies beginnt bereits bei der Frage des Freiheitsgrades, der Mitarbeitern eingeräumt werden sollte. Auch auf Länderebene unterscheidet sich diese Unterhaltung sehr. So ist auch gemäß der internationalen Umfrage mit 6000 gezielt befragten Teilnehmern Deutschland im oberen bis Mittelmaß im Checken von Emails nach Feierabend. Spitzenreiter sind die Schweiz mit 58%, die Italiener mit 56%, die Österreicher mit 54% und die Spanier mit 45%. Ruhiger als die Deutschen scheint es den Zahlen zur Folge abends in England (37%) und Frankreich (36%) zugehen. Hier wird zumindest größtenteils wirklich abgeschaltet. 

Interessanterweise scheinen sich viele des Problems bewusst, dass die Trennung zwischen Feierabend und Arbeitszeit sehr stark aufgeweicht ist, daher auch die Studien und Zahlen, die hier nun für Aufmerksamkeit sorgen – aber wirklich Stellung dazu in Form von konkreter Aktivität ergreifen bisher wenige Unternehmen. Erste Maßnahmen folgen erfreulicherweise langsam, aber es ist ein schleppender Prozess.

Maßnahmen, wie das bewusste Abschalten der Firmenhandys ab 18 Uhr, der Abschaffung oder Anpassung von Performance-Indikator-Programmen (wie zum Beispiel in der Unternehmensberatung Accenture) oder auch die Kultivierung von Achtsamkeit wie beispielsweise bei Google mit dem Search Inside Yourself Programm, welches ich persönlich besucht habe, oder auch SAP, die mittlerweile sogar einen Mitarbeiter haben, der den Titel „Head of Mindfulness“ trägt und die Gedanken der Achtsamkeit im Business Alltag in den Führungsebenen als Botschaft verbreitet.

Einige Unternehmen setzen mehr und mehr auf Sportaktivitäten, die ihren Mitarbeitern angeboten werden und immer öfter hören wir heute von sogenannten „Business Runs“, die organisiert werden, wie z.B. auch das führende Hotelportal HRS jedes Jahr organisiert.  Dennoch sind dies zwar gute Impulse, aber vermutlich noch keine strategischen Lösungskonzepte. Hier sehe ich noch viel Entwicklungspotential. Es bleibt also spannend…

Bereits in meinem Artikel im mobile zeitgeist von 2013 habe ich über Offtime gesprochen und darüber, dass es wichtig ist eine gesunde Balance zu kultivieren. Siehe hier

Und jetzt bitte Feierabend machen.