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Gesundheits-Apps: Zwischen Nützlichkeit und Datenschutz

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Gesundheits-Apps: Zwischen Nützlichkeit und Datenschutz

Schrittzähler, Pulsmesser, Diät-Apps? Eigentlich alles schon alte Hüte. Das Vermessen des eigenen Körpers und der eigenen Gesundheit wird unter dem Begriff „Quantified Self“ zusammengefasst und erfreut sich schon seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Menschen tracken mit technischen Hilfsmitteln ihr tägliches Verhalten, um über sich mehr zu erfahren, einen gesünderen Lebensstil zu führen und durch Teilen ihrer Aktivitäten auf Social Networks auch anderen zu zeigen, wie aktiv sie sind.

Deal: Daten für Service

Gadgets wie Withings, Bragi, Jawbone, Fitbit oder auch die Apple Watch lassen die Nutzer ihre Körper und Aktivitäten ständig überwachen. Dass hierbei die Daten auch den Unternehmen zur Verfügung stehen, die meist sehr klar in ihren AGB sagen, dass sie diese weiter verwenden werden, scheint vielen keine Kopfschmerzen zu bereiten. Daten gegen Service funktioniert als Deal auch hier. Nun betreten immer mehr Unternehmen die Bühne der Gesundheits-Apps. Gesetzliche Krankenkassen, private Versicherer und Anbieter im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements treten an, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Menschen und damit auch der Arbeitnehmer zu fördern.

Selbstverständlich sind hier nicht allein altruistische Motive Treiber für die Unternehmen. Es geht ganz klar um Effizienzsteigerung und Kosteneinsparung. Dies allein ist weder neu noch grundsätzlich verwerflich. Gesündere Versicherte entlasten unser Gesundheitssystem, ein niedrigerer Krankenstand macht Unternehmen wettbewerbsfähiger. Doch wie steht es mit dem Datenschutz und der Freiheit des Einzelnen?

Jeder Dritte zur Weitergabe von Daten bereit

Schauen wir uns die Haltung der Deutschen an. Wie häufig bei Technik-Themen sind die Deutschen eher skeptisch. Der Industrieverband Bitkom hat jedoch in einer aktuellen Befragung von 1.279 Personen über 14 Jahren heraus gefunden, dass gut jeder dritte Smartphone-Nutzer (37%) sich vorstellen kann, seine Daten an die eigene Krankenkasse weiter zu leiten. Nutzer über 65 Jahre vertrauen ihren Krankenkassen noch mehr. Hier sind es 47 Prozent.

Bereits im Dezember 2014 befragte das Marktforschungsinstitut YouGov rund 1.000 Deutsche und kam zu ähnlichen Ergebnissen. 32 Prozent der Befragten können sich grundsätzlich vorstellen, gesundheits- und fitnessbezogene Daten zu messen und mit der Krankenversicherung zu teilen, um dadurch Vorteile zu erhalten. Für 39 Prozent kommt das allerdings nicht in Frage. 41 Prozent haben mindestens eine Gesundheits-App auf ihrem Smartphone installiert, drei Viertel (75 Prozent) von ihnen nutzen diese sogar. Die hauptsächlichen Gründe für die selbstständige Messung von Körperfunktionen sehen die Verbraucher darin, einen Überblick über das eigene Verhalten, eine höhere Verhaltenskontrolle und ein schnelleres Feedback vom eigenen Körper zu erhalten.

Nutzer erwarten Gegenleistung

Krankenkassen genießen in der YouGov-Studie bei den Nutzer von Gesundheits-Apps mehr Vertrauen als Sportgerätehersteller oder Internetunternehmen. Bereits sieben Prozent nutzen Gesundheits-Apps von einer Krankenkasse bzw. eines -versicherers. Für die Daten erwarten die Versicherten Gegenleistungen in Form von Beitragsersparnissen oder Gutscheinen für privatärztliche Leistungen. Aber auch Gutscheine für Wellness-/Fitness-Wochenenden oder Punktegutschriften auf Kundenkarten wie z. B. von Payback oder Miles&More sind von Interesse. So stimmt eine Mehrheit (57 Prozent) zu, dass solche Tarife eine gute Möglichkeit sind um Geld zu sparen.

Der Bitkom fragte etwas genauer. Jeder fünfte Befragte (19 Prozent) wünscht sich im Gegenzug zu einer Weiterleitung seiner Daten Versicherungsrabatte, 10 Prozent eine Prämie, zum Beispiel in Form von Geld oder eines Gutscheins. 7 Prozent aller befragten Smartphone-Nutzer würden einer Weiterleitung ihrer Daten ganz ohne Gegenleistung zustimmen. Bei den Nutzern ab 65 Jahren sind es sogar 33 Prozent, die keine Gegenleistung erwarten.

Über 80% befürchten Datenmissbrauch

Bedenken in Bezug auf weitere Entwicklungen und Datenschutz wurden vom Bitkom offensichtlich nicht detailliert abgefragt. Hier gibt wiederum die YouGov-Befragung etwas mehr Aufschluss: Die Mehrheit (73 Prozent) hat Bedenken, dass bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes plötzlich mehr als vorher für die Krankenversicherung bezahlt werden müsse. Rund drei Viertel (81 Prozent) befürchten, dass die einmal erfassten Daten auch für andere Zwecke verwendet werden.

Egozentrische Motive

Digitale Gesundheitstracker, ganz unabhängig davon, von wem sie zur Verfügung gestellt werden, vereinen Eigenschaften, die für die Nutzer höchst attraktiv sind, emotionales Potenzial haben oder eben schlicht Spaß machen. Der egozentrische Blick auf die eigene Person wird möglich. Wie bin ich, auch im Vergleich zu anderen? Wie reagiert mein Körper auf äussere Einflüsse? Hieraus entsteht ein nahezu unendlicher Strom von Neuigkeiten, die wiederum zur Selbstdarstellung gegenüber Freunden, Bekannten oder auch völlig Unbekannten genutzt werden können. Das eigene Verhalten wird konkret belohnt und dies nicht nur intern durch die Erkenntnis, die eigene Leistung gesteigert zu haben, sondern auch extern durch Punkte, Highscores, besseren Service oder noch detailliertere Datenauswertung oder eben monetäre Anreize.

Wer nicht tracken will muss zahlen

Es ist das eine, seinem Krankenversicherer seine Gesundheitsdaten anzuvertrauen. Anders sieht es aus, wenn der eigene Arbeitgeber diese Daten erhält. Und auch noch nicht absehbar ist was geschieht, wenn immer mehr Nutzer auf die großen Datenammler Google und Apple setzen, die mit Google Health bzw. dem Apple Healthkit zentrale Stellen für die Daten der Nutzer werden wollen. Die Marktforscher von Gartner gehen davon aus, dass in naher Zukunft jeder vierte Fitness-Tracker von Arbeitgebern oder Versicherungen kostenfrei an Versicherte und Mitarbeiter abgegeben wird.

Damit würde das Self-Tracking nicht mehr die Ausnahme sein wie noch heute, sondern womöglich zur Regel werden. Mit der möglichen Konsequenz, dass sich diejenigen, die sich nicht tracken (lassen) entweder in Erklärungsnöte zum Beispiel gegenüber dem eigenen Arbeitgeber kommen oder bei ihrer Versicherung nur noch die teureren Tarife abschließen können. Dies wiederum wäre ein massiver Eingriff in die persönliche Freiheit und informationelle Selbstbestimmung jedes Einzelnen.

German Angst?

Doch es geht nicht um die Verteufelung der Tracker, der Versicherer, der Internet-Giganten oder den Unternehmen, die mit diesen Technologien Geld verdienen. Es geht vielmehr darum, dass wir als Gesellschaft offen diese Entwicklungen betrachten, beurteilen und diskutieren. Viel Gutes kann mit den granularen Daten, die wir heute sammeln können, entstehen.

Diagnosen können die Lebensumstände der Menschen berücksichtigen, Therapien individuell angepasst werden. Medikamentierungen können ganz persönlich auf jeden einzelnen Patienten abgestimmt werden und müssen nicht mehr auf Basis eines irgendwann einmal ermittelten „Durchschnittsmenschen“ dosiert und angewendet werden. Der digitale Patient könnte dem Arzt auf Augenhöhe begegnen.

Wir stehen am Anfang dieser Entwicklung und niemand kann absehen, wohin die Reise führen wird. Doch wie tiefgreifend die technologischen Entwicklungen unsere Gesellschaftsstrukturen beeinflussen, wird immer deutlicher. Als eine von vielen Lektüren zu diesem Thema sei „Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst“ von Christoph Kucklick empfohlen. Auch im ARD-Magazin Panorama gab es einen Bericht zu diesem Thema.

Dieser Text ist zuerst auf mobile zeitgeist erschienen.