Ausgerechnet Du bei THE DIGNIFIED SELF?

Heike Scholz 12. Oktober 2015

Ist das nicht ein völ­li­ger Gegensatz? Was willst Du damit eigent­lich bezwe­cken? Beschädigt das nicht Deine Glaubwürdigkeit als ‘Mobile Enthusiast’?

Viele Fragen wur­den mir schon gestellt, war­um ich mich bei THE DIGNIFIED SELF enga­gie­re. Und eben­so vie­le Gründe gibt es dafür. Doch erst ein­mal stel­le ich mich bes­ser vor.

Mein Name ist Heike Scholz, ich ent­stam­me nicht der GenY, bin kein Millennial, kein Digital Native son­dern bin noch mit Telefonzellen, viel bedruck­tem Papier und Fernsehern ohne Fernbedienung auf­ge­wach­sen. Okay, es war nicht alles schlecht.

Noch als Jugendliche, als mein älte­rer Bruder schon pau­sen­los auf sei­nem C64 her­um­tipp­te, ver­wei­ger­te ich mich die­sem Technik-Zeugs. Empfand es als see­len­los, lang­wei­lig und über­haupt voll doof. Ja, auch mei­ne Pubertät hat­te so ihre dunk­len Momente.

Wendezeiten

Anfang der 90er ging es dann schon ein­mal mit dem PC zu Hause ins Internet. Ich habe noch immer die­ses Tüdelüdelütt des ana­lo­gen Modems im Ohr, wenn es sich ein­wähl­te. Kurz dar­auf dann ISDN und Kanalbündelung. Knaller! Man war plötz­lich dop­pelt so schnell, was immer noch im Vergleich zu heu­te Super-Slo-Mo war. Dafür muss­te man erst wich­ti­gen Leuten bescheid sagen „Du kannst mich jetzt mal tele­fo­nisch nicht errei­chen. Ich bin im Internet!” Als ob das immer jeder genau zu dem Zeitpunkt gewollt hät­te. Egal. Es war ein will­kom­me­ner Anlass, sich als beson­ders inno­va­tiv zu zei­gen. Wir hat­ten ja kein Facebook, kei­ne Selfies und sowas.

Siemens S4In die­ser Zeit, wäh­rend mei­nes Studiums, kam dann auch das ers­te Mobiltelefon zu mir. Ein Siemens S4. Das mach­te noch rich­ti­ge Beulen in die Taschen und es sah mords­wich­tig aus, wenn man vor der Nutzung erst­mal die Antenne her­aus zie­hen muss­te.

Und plötz­lich war man erreich­bar. Und konn­te ande­re errei­chen. Also gut, die­je­ni­gen die schon ein Handy hat­ten oder gera­de zu Hause in der Nähe des Festnetztelefons waren. Man konn­te bescheid sagen, dass man sich ver­spä­ten wird, ohne nach Kleingeld und einer Telefonzelle zu suchen. Gut. Wir waren so sozia­li­siert, dass wir uns immer noch fest ver­ab­re­det haben und dann auch hin­ge­gan­gen sind, es sei denn, wir waren kurz vor dem eige­nen Ableben. Aber es war ein groß­ar­ti­ges Gefühl der Unabhängigkeit mit so einem Handy.

Jahrtausendwende

Ich über­sprin­ge jetzt ein paar Jahre (und Handy-Modelle), in denen ich als Strategieberaterin meist für Konzerne gear­bei­tet habe. „Mobile Business” war damals immer noch meh­re­re Kilo schwer und sehr sehr teu­er. Und selbst wäh­rend der New Economy war es zwar hip, mit einem Communicator oder Blackberry her­um zu lau­fen und ganz wich­tig sei­ne Mails abzu­ru­fen (ja, ehr­lich, das war mal was voll Cooles), aber bei der brei­ten Bevölkerung setz­te sich die­ses mobi­le Internet noch nicht durch.

2005 kam ich beruf­lich mit dem Thema QR-Codes in Berührung und dach­te mir, nun kön­ne es nicht mehr lang dau­ern, bis sich auf mobi­len Geräten mehr tun wird. Und da ich als Consultant eh eine dyna­mi­sche Webseite haben woll­te, begann ich 2006 über Mobile Marketing zu blog­gen. Das war noch vor dem iPhone und ja, wir hat­ten schon leis­tungs­fä­hi­ge Geräte, wir hat­ten Apps und konn­ten die­se auch nach­träg­lich instal­lie­ren. Es war zwar immer ein wenig Zittern dabei, ob das Gerät danach noch funk­tio­nie­ren wür­de und ein­fach war es auch nicht immer, aber es ging.

Zeitenwende

Und dann kam 2007 das iPhone. Fast alle flipp­ten aus, nur Nokia nicht, die sich mit ihren über 80 Prozent Marktanteil in Deutschland sicher fühl­ten. Nun, was dann geschah, brau­che ich nicht zu erzäh­len. Nokia ist bei Smartphones ver­schwun­den, Googles Android hat heu­te die über 80 Prozent Marktanteil und Apple ver­dient sich in sei­ner Premium-Nische eine gol­de­ne Nase.

Mein Weblog war, auch durch Unterstützung ver­schie­de­ner Autoren, ange­wach­sen und ich half immer gern neu­en Publishern in der Mobile Branche, Fuß zu fas­sen und unse­re Themen bekannt zu machen. Denn noch immer ging es mir viel zu lang­sam vor­an. Dies änder­te sich tat­säch­lich erst 2013. Nun wur­de immer mehr Menschen und Unternehmen klar, dass wir hier eine so weit­rei­chen­de Veränderung durch die mobi­len Endgeräte und durch sie ent­ste­hen­de neue und dis­rup­ti­ve (also zer­stö­re­ri­sche) Services erle­ben wür­den, dass kei­ne® sie mehr igno­rie­ren konn­te.

Ich gehö­re nun seit fast zehn Jahren zu den ‘Predigern’, die Hundert Mal am Tag das Wort ‘Mobile’ aus­spre­chen und vie­le Menschen für die­se neu­en Technologien begeis­tert haben. Mobile ist wirk­lich im Massenmarkt und damit in unser aller Leben ange­kom­men. Viele von uns lau­fen freu­dig dar­auf zu und umar­men die neu­en, span­nen­den Möglichkeiten.

Licht und Schatten

Und lang­sam aber sicher änder­ten wir unser Verhalten. Ich fin­de kaum noch einen Weg (den ich nicht schon zehn Mal gefah­ren bin) ohne ein Navigationssystem. Ich ken­ne kei­ne Telefonnummern von Freunden mehr (was ich auch nicht scha­de fin­de). Ja, ich gehö­re zu den Menschen, die sicher­lich über 200 Mal am Tag nach ihrem Smartphone grei­fen. Stört mich das? Nein. Glaube ich, dass ich das ändern muss? Nein. Ich kann kei­nen Grund dafür erken­nen. Bin ich Smartphone-süchtig? Jein. Ja, wenn es dar­um geht, dass ich es sehr, sehr viel nut­ze. Das mag man als Sucht bezeich­nen, ist es aber per Definition nicht. Dafür müss­te ich auch phy­si­sche oder psy­chi­sche Deformationen zei­gen und das tue ich nicht (haben mir ande­re bestä­tigt). Ich bin wohl vor Suchtsymptomen weit­ge­hend gefeit, denn immer wenn ich etwas bes­se­res zu tun habe, Familie oder Freunde tref­fe, hier in Hamburg auf der Reeperbahn aus­ge­he, auf mei­nem Motorrad sit­ze, am Strand in den Sonnenuntergang schaue…immer dann bleibt das Smartphone in der Tasche oder ist gar nicht erst bei mir und liegt ein­fach zu Haus.

Ich habe für mich gelernt, wie ich mit digi­ta­ler Technik umge­hen muss. Mir geht es gut dabei. Doch ich weiß auch, dass vie­le Menschen unter den Auswirkungen der Digitalisierung lei­den, Ängste haben oder auch Dinge nicht an sich her­an las­sen, weil sie sie für schäd­lich hal­ten.

Und genau des­we­gen bin ich bei THE DIGNIFIED SELF und habe sehr schnell und freu­dig zuge­sagt, als Lilian mich frag­te. Ich möch­te, dass wir neu­en Technologien posi­tiv begeg­nen, sie an uns her­an­las­sen, um uns wirk­lich ein Bild von ihnen machen zu kön­nen. Wenn das gesche­hen ist, kön­nen wir bes­ser beur­tei­len, wie weit wir sie in unse­re Leben, unse­re Gesellschaft, unse­re Arbeitswelten las­sen wol­len. Dafür müs­sen wir infor­miert sein, wis­sen wor­über wir reden, Dinge aus­pro­biert haben, ihre Chancen und Risiken ken­nen­ge­lernt haben.

Keine Maschinenstürmerei, aber auch kein Himmelhochjauchzen. Unaufgeregt die Dinge anschau­en, Wege fin­den, gut (und das ist sehr indi­vi­du­ell) mit ihnen umzu­ge­hen, gut mit uns umzu­ge­hen und am Ende alles Gute und Nützliche bekom­men und das Schlechte und Schädliche zurück drän­gen. Die Mitte und damit eben einen wür­de­vol­len Umgang mit sich selbst, ande­ren Menschen und der Technologie zu fin­den. Das ist mei­ne Vision, mein Wunsch und aus die­sem Grund möch­te ich mit THE DIGNIFIED SELF etwas bei­tra­gen.

Und ich bin fest davon über­zeugt, dass mei­ne ande­ren Aktivitäten wie das Bloggen auf mobi­le zeit­geist, mein Engagement rund um den sta­tio­nä­ren Einzelhandel und mei­ne Tätigkeit als Vortragsrednerin von THE DIGNIFIED SELF nur pro­fi­tie­ren kön­nen. Denn bei aller Freude über die digi­ta­le Transformation steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht die Technik.